Deutschstunde mit Siegfried Lenz

Als ich gestern von zu Hause aufbrach, hatte ich mir vorgenommen, in Hamburg entweder Joachim Ringelnatz oder Siegfried Lenz zu interviewen – ohne mir auch nur einen Gedanken darüber zu machen, wie ich überhaupt Kontakt zu ihnen aufnehmen sollte. Zusammen sind sie seit genau hundert Jahren tot. Doch ich hätte mir alle Überlegungen sparen können. Kaum betrete ich die Thalia-Buchhandlung in der Spitalerstraße, sitzt Lenz dort, lächelt mich an, die Arme geöffnet, die Pfeife in der Hand. Über ihm steht auf einem Schild: Unser Hamburg.

Siegfried Lenz kehrte als Neunzehnjähriger aus dem Krieg zurück. Wenige Jahre später begann er zu schreiben. Noch nicht auf dem Niveau eines Hemingway, dem großen Vorbild, dem er nacheiferte, sondern kurze experimentelle Erzählungen voller unbändiger Lust am Schreiben. Diese kleinen, unfertigen Novellen und Maschinenskizzen eines jungen Mannes, der einfach schrieb, weil er schreiben musste, wurden erst nach seinem Tod entdeckt. Heute sind sie unter dem Titel „Dringende Durchsage“ veröffentlicht.

Wie schwer kann es also sein? Das Interviewopfer meldet sich von selbst, und wir können über das sprechen, was Schriftsteller am meisten lieben: ihr neues Buch. Ich kaufe es auf der Stelle und schlage meinem neuen Freund Lenz vor, mit mir ins Schanzenviertel zu fahren und dort ein Restaurant zu suchen. Ich kenne das Viertel kaum, obwohl mein Onkel dort vor einem halben Jahrhundert ein Reinigungsgeschäft im Schulterblatt besaß. Eigentlich habe ich nur eine verschwommene Erinnerung an die Straße. Das einzige Bild, das auftaucht, sind ein paar große Jungen – einige Jahre älter als ich –, die im Hinterhof hinter dem Laden Fußball spielen.

Ich hake mich bei Lenz unter, und wir gehen durch den feinen Nieselregen hinüber zum Hauptbahnhof. Die S2 Richtung Altona bringt uns in zwei Stationen zur Sternschanze. Wie überall in der Stadt gibt es auch hier einen Weihnachtsmarkt. Wie viel Glühwein und Frittiertes kann eine Stadt eigentlich verkraften?

Das Viertel erinnert mich an Berlin. Graffiti und Aufkleber bedecken nahezu jede freie Fläche. Ich mag Graffiti nicht. Für mich sind sie ein Übergriff auf die Stadt und auf die Menschen, die dort leben und arbeiten. Sie signalisieren, dass hier das Gesetz der Straße herrscht. Aber sie erzählen auch von Ohnmacht und Entfremdung. Was sollen wir mit einer Gesellschaft anfangen, die wir nicht mehr beeinflussen können? Deshalb wählen Menschen Donald Trump, Marine Le Pen, Giorgia Meloni oder Alice Weidel. Sie sprühen ihre politische Graffiti auf den Stimmzettel: Ihr hört uns nicht zu!

Wir gehen die Schanzenstraße entlang. Das Viertel ist hip. Designerläden reihen sich an elegante Friseursalons und vegane Restaurants, und der Vielfalt zuliebe findet sich dazwischen auch das Büro eines queeren Filmfestivals. Unterwegs erzählt mir Siegfried Lenz von seinem Leben. Wir sprechen übrigens Dänisch. Er beherrscht die Sprache fließend.

Er wuchs in Ostpreußen auf und wurde 1943 als Siebzehnjähriger zur Kriegsmarine eingezogen. Er diente auf dem Schweren Kreuzer Admiral Scheer, ging jedoch noch von Bord, bevor das Schiff am 9. April 1945 in Kiel versenkt wurde. Anschließend wurde er nach Kopenhagen versetzt, wo er auf dem Hilfskreuzer Hansa Dienst tun sollte. Unterwegs desertierte er. Wenige Wochen später war der Krieg vorbei. Er geriet in britische Kriegsgefangenschaft und kam schließlich nach Hamburg, wo er ein Studium begann. Neben seiner Arbeit bei der Zeitung Die Welt schrieb er Geschichten für die Schreibtischschublade. Über diese frühen Texte werden wir später noch ausführlicher sprechen – vorausgesetzt, wir finden irgendwo einen Platz zum Sitzen.

Für mich ist Siegfried Lenz untrennbar mit seinem Roman „Deutschstunde“ verbunden. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir das Buch schenckte, als ich noch ein Teenager war. Zusammen mit Heinrich Böll wurde Lenz für mich zum Inbegriff des deutschen Geisteslebens der sechziger Jahre. In meinem jugendlichen Bewusstsein gehörten diese beiden Schriftsteller ebenso zu Deutschlands Neubeginn nach der Stunde Null wie Willy Brandt. Ergänzt wurde dieses Bild durch Manfred Gregors Kriegsroman „Die Brücke“. Wenn ich diese Autoren heute wieder lese, bin ich auf einmal wieder Gymnasiast.

„Deutschstunde“ erzählt die Geschichte des eigenwilligen Siggi Jepsen, der in einer Erziehungsanstalt den Aufsatz „Die Freuden der Pflicht“ schreiben soll. Der Roman spielt in Schleswig, nahe der dänischen Grenze. Dort erhält der Maler Max Ludwig Nansen im Jahr 1943 aus Berlin ein Malverbot. Der Dorfpolizist Jepsen, Siggis Vater und zugleich ein Jugendfreund des Malers, bekommt die undankbare Aufgabe, darüber zu wachen, dass dieses Verbot eingehalten wird. Mit der ihm eigenen Pflichttreue erfüllt er seinen Auftrag gewissenhaft. Siggi dagegen liebt den Maler und dessen Haus. Er beschließt, sich seinem Vater zu widersetzen und den Künstler ebenso wie seine Bilder zu schützen.

Deutschstunde erschien 1968, mitten in den Studentenunruhen, und bedeutete für Siegfried Lenz den endgültigen Durchbruch. Das Buch wurde zum Werk seines Lebens. Siebenunddreißig Wochen stand es auf Platz eins der Bestsellerliste des Spiegel und wurde mehr als 2,2 Millionen Mal verkauft. Die Anregung zu dem Roman fand Lenz im deutsch-dänischen Maler Emil Nolde, der in Niebüll in Schleswig lebte und von den Nationalsozialisten ebenfalls mit einem Malverbot belegt worden war. Um weiterarbeiten zu können, ohne entdeckt zu werden, wechselte Nolde von der Ölmalerei zur Aquarelltechnik. Anders als Ölfarben und Terpentin hinterließen Aquarelle keinen verräterischen Geruch. So hoffte er, nicht aufzufliegen, falls der lange Arm des Gesetzes unangemeldet vor seiner Tür stehen sollte.

Meiner bescheidenen Meinung nach gehören diese Aquarelle zum Besten, was Emil Nolde je geschaffen hat.

„Mich fasziniert, dass Nolde von der Ölmalerei zur Aquarellmalerei wechselte, um seine Kunst fortsetzen zu können“, sage ich. „Übrigens erwähnst du diese Geschichte im Roman gar nicht.“

Lenz und ich sind inzwischen beim Du angekommen, ohne dass wir es ausdrücklich vereinbart hätten.

„Ich habe einmal den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard interviewt“, erzähle ich. „Er arbeitete damals für die Zeitung Jyllands-Posten. Westergaard hatte Mohammed mit einer Bombe im Turban gezeichnet und erhielt daraufhin Todesdrohungen. Er musste unter Polizeischutz leben.

Während unseres Gesprächs wollte mein Fotograf ein Bild von ihm machen, wie er gerade Mohammed mit einer Orange im Turban zeichnet. Doch plötzlich war der Filzstift leer.

›Ach, das hält uns doch nicht auf‹, sagte Westergaard, tauchte den Stift kurzerhand in seinen Kaffee und zeichnete die Skizze mit Kaffee statt Tinte zu Ende.“

Ich lache.

„Das war eine Nolde-Lösung. Wenn sie uns die Tinte oder die Ölfarben wegnehmen, dann zeichnen wir eben mit Kaffee oder malen mit Aquarellfarben.“

Lenz nickt.

„Dieses Bild gefällt mir.“

„Aber damit endet die Geschichte noch nicht“, fahre ich fort.

Ich weiß, dass ich mich jetzt auf vermintes Gelände begebe. Der stille ältere Schriftsteller ist stehen geblieben, um seine Pfeife anzuzünden.

„Mehrere Staaten des Nahen Ostens protestierten damals gegen die Mohammed-Zeichnungen und verlangten von der dänischen Regierung, sie zu verbieten. Die Politiker verteidigten jedoch die Meinungsfreiheit – selbst als dänische Waren im Nahen Osten boykottiert wurden. Einige Jahre später verschärfte sich der Kulturkonflikt. 2022 begann ein Provokateur, aus Protest gegen die muslimische Einwanderung Koranexemplare zu verbrennen. Der Druck wohlhabender muslimischer Staaten des Nahen Ostens wurde schließlich so groß, dass das dänische Parlament 2023 § 110 e des Strafgesetzbuches verabschiedete. Seitdem kann bestraft werden, wer religiöse Schriften respektlos behandelt. Ausschlaggebend waren vor allem wirtschaftliche Interessen und die Sorge vor Terroranschlägen.“

Ich mache eine kurze Pause.

„Die dänisch Künstlerin Firoozeh Bazrafkan protestierte gegen dieses Gesetz. Sie riss Seiten aus einem Koran heraus und raspelte sie mit einer Küchenreibe in Stücke. Auch das ist heute strafbar.“

Lenz schweigt.

„In deinem Roman geht es um das Malverbot der Nationalsozialisten und um jene blinde Pflichterfüllung, die ein solches Verbot überhaupt erst aufrechterhält. Am Ende verbrennen die Bilder beim Brand einer Mühle, in der Siggi sie versteckt hatte. Er glaubt, sein Vater habe das Feuer gelegt, versucht die Gemälde zu retten und wird deshalb wegen Diebstahls verurteilt.

Die Frage nach der Freiheit des Wortes und der Kunst ist heute in Europa wieder hochaktuell. Das demokratische Europa weicht religiösen Forderungen von außen aus Angst, genau jene demokratischen Werte aufs Spiel zu setzen, die du und deine Generation von Schriftstellern niemals als selbstverständlich ansehen konntet.“

Ich sehe, wie Siegfried Lenz unsicher wird. Sofort bereue ich, das Thema überhaupt angeschnitten zu haben. Wahrscheinlich zerstöre ich gerade die gute Stimmung. Ist es fair, einen Humanisten, dessen geistige Wurzeln im 20. Jahrhundert liegen, in das Europa von heute zu versetzen, in ein Europa, in dem die Einwanderung den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf die Probe stellt?Lenz hat ein halbes Jahrhundert lang geschrieben, um auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs an einem neuen demokratischen Deutschland mitzubauen.

Schließlich zieht er an seiner Pfeife und sagt: „Ich würde Firoozeh Bazrafkan gern kennenlernen. Sie klingt nach einer Frau ganz nach meinem Geschmack.“

Ich atme auf.

Einen Augenblick lang hatte ich befürchtet, Lenz würde mich für einen Rechtsradikalen halten.

„In Deutschstunde gehorcht der Dorfpolizist dem System“, sage ich. „Er ist kein Nationalsozialist. Aber sein Pflichtgefühl verpflichtet ihn, die Befehle des Staates auszuführen. Gerade diese Pflichttreue – seine eigene und die vieler anderer – machte es möglich, dass die Nationalsozialisten zwölf Jahre lang an der Macht bleiben konnten.“

„Deine Künstlerin mit der Küchenreibe weigert sich dagegen, nach den Regeln der Mächtigen zu spielen. Sie verteidigt ihre künstlerische Freiheit – genau wie Nolde.“

Lenz lächelt freundlich.

„Nach dem Krieg gab es in Deutschland viele Jahre lang einen losen Kreis von Schriftstellern, der unter dem Namen Gruppe 47 bekannt wurde. Wir waren uns schmerzlich bewusst, dass eine Demokratie niemals selbstverständlich ist. Die Nationalsozialisten haben die Macht 1933 nicht einfach an sich gerissen – sie bekamen sie übertragen und schafften anschließend die Demokratie ab. Dass sich so etwas wiederholt, wollten wir verhindern.“

„Ich glaube“, sage ich, „Karl Popper hat dieses Dilemma das Paradox der Toleranz genannt. Eine offene Gesellschaft muss auch Ansichten ertragen, die ihr zutiefst widersprechen. Doch irgendwann kann der Punkt kommen, an dem sie ihre Toleranz begrenzen muss, um als Demokratie überleben zu können.“

Lenz nickt langsam.

„Deine Künstlerin ist keine Gefahr für die Demokratie. Im Gegenteil. Sie verteidigt das Recht, sich im eigenen Land frei zu äußern – gegenüber Menschen, die ihr den Mund verbieten wollen, weil sie sich religiös verletzt fühlen. Auch Berlin fühlte sich einst von Noldes ›entarteten‹ Bildern beleidigt. Das Paradox der Toleranz wirkt in alle Richtungen.“

Lenz spricht Dänisch wie ein Sønderjüte. Wie gut, dass ich ihm in der Buchhandlung begegnet bin. Ich fürchte die Islamisierung Europas und bin versucht, den höflichen Siegfried Lenz dazu zu bringen, meine Sicht der Dinge zu bestätigen. Aber das wäre unanständig. Ich darf Lenz nicht vor meinen Karren spannen. Er findet selbst den Weg aus der Untiefe.

„Ich gehöre zur Kriegsgeneration“, sagt er ruhig. „Ich kenne den Preis, den die Konfrontation zwischen Ideologien und politischen Systemen fordert. Ich wurde in Lyck geboren, das heute zu Polen gehört. Ich war an Bord der Admiral Scheer, als wir versuchten, Überlebende der Wilhelm Gustloff zu retten, nachdem sie im Januar 1945 in der Ostsee von einem sowjetischen U-Boot versenkt worden war. Mehr als sechstausend Menschen kamen ums Leben. Einen großen Teil meines Lebens habe ich in Grenzregionen verbracht – zuerst zwischen Deutschland und Polen, später in Dänemark. Ich habe die großen Spannungen erlebt, aber auch die Zeiten der Entspannung. Wir einfachen Menschen können die großen Systeme nicht verändern. Gemessen an der Geopolitik sind wir unendlich klein. Aber wir tragen persönliche Verantwortung. Der Dorfpolizist entscheidet sich für seine Pflicht gegenüber dem System. Sein Sohn entscheidet sich, seinem Gewissen zu folgen. Im Alltag liegt unsere Verantwortung – und dort haben wir auch die Möglichkeit, etwas zu bewirken.

“ Aber bitte verlang nicht von mir, zum Islam in Europa Stellung zu nehmen. Das musst du selbst tun.“

Nach einer kurzen Pause fährt er fort: „Als Schriftsteller versuche ich, mich in jede meiner Figuren hineinzuversetzen. So weit es mir möglich ist, möchte ich ihre Handlungen verstehen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ich mit ihnen sympathisiere. Ich bin aber auch nicht auf einem Rachefeldzug. Der Leser muss sich sein eigenes Urteil bilden – auch wenn ich natürlich hoffe, ihn für meine Sicht der Dinge zu gewinnen. Literatur entsteht in zwei Schritten: wenn sie geschrieben wird und wenn sie gelesen wird.“

Siegfried Lenz ist auf wunderbare Weise frei von jeder Verurteilung.

Später stellte sich heraus, dass Emil Nolde durchaus Sympathien für Hitler gehegt hatte – obwohl er trotzdem mit einem Malverbot belegt wurde. Manche Kritiker werfen Lenz vor, er habe dazu beigetragen, Noldes angekratztes Ansehen aufzupolieren. Er hätte sich deutlicher von ihm distanzieren müssen. Doch Siegfried Lenz schrieb nicht, um die Vergangenheit zu korrigieren. Er schrieb, um an einer besseren Zukunft mitzubauen. Er wollte den Menschen verstehen. Denn nur wenn wir verstehen, können wir aus den Irrtümern der Vergangenheit lernen. Vielleicht liegt genau darin Europas Problem. Wir begegnen der Vergangenheit mit kritischem Blick – der Gegenwart dagegen allzu oft mit Selbstzufriedenheit.

Inzwischen sind wir ein gutes Stück das Schulterblatt hinuntergegangen und stehen vor der Roten Flora.

Hier haben die Autonomen ihr Zuhause. Noch nie habe ich ein Gebäude gesehen, das derart von Graffiti überzogen war. Nur ein einziges Transparent fällt aus dem Bild. Darauf steht die Forderung, die Geiseln von Gaza freizulassen. Auf den Stufen davor liegen Müllsäcke, verstreute Abfälle und Obdachlose in ihren Schlafsäcken.

„Hier möchte ich nicht essen“, sagt Lenz.

Ich nicke. Auch ich erinnere mich an das Schulterblatt ganz anders.

„Gehen wir zurück Richtung Bahnhof. Dort liegt das Oma's Apotheke. Das sah gemütlich aus.“

._ ._ ._

Wir finden einen Tisch und bestellen zwei Astra.

Ich nehme eine XL-Currywurst mit Pommes für 7,90 Euro. Lenz bestellt Bratkartoffeln mit zwei Spiegeleiern. Das Lokal ist voller junger Leute. Alte Reklameschilder aus den sechziger Jahren schmücken die Wände. Ein echtes Studentenlokal. Wir sind mit Abstand die beiden Ältesten im Raum. Jugend umgibt uns von allen Seiten.

„Als ich unmittelbar nach dem Krieg mit neunzehn Jahren nach Hamburg kam“, sagt Lenz, „war alles zerstört. Fast die ganze Stadt lag in Trümmern. Keine einzige Brücke war unbeschädigt. Im Hafen lagen zweitausendachthundert Schiffswracks. Die Zerstörung war vollkommen. Es war beinahe unvorstellbar, dass diese Stadt jemals wieder aufgebaut werden könnte. Ich war auf diesen Anblick nicht vorbereitet. So sah Ragnarök aus. Und doch entstand Hamburg während des Wirtschaftswunders neu. Wenn ich heute an der Roten Flora vorbeigehe und sehe, was Graffiti-Sprayer angerichtet haben, macht mich das traurig. Ist ihnen bewusst, welchen Preis die Menschen für diese Stadt bezahlt haben? Manchmal habe ich beinahe das Gefühl, wir werden gedemütigt.“

Seine hellgrauen Augen wirken plötzlich traurig.

Die Bedienung bringt unser Essen.

Augenblicklich kehrt das Lächeln zurück. Sie ist jung, freundlich und hat gesunde, strahlend weiße Zähne. Lenz und ich lächeln beide zurück.

„Die Currywurst?“, fragt sie.

Ich hebe die Hand.

Dann stellt sie den Teller mit den Bratkartoffeln und den beiden Spiegeleiern vor Lenz.

Im selben Moment bereue ich meine Bestellung. Kartoffeln und Bier sind Schriftstellernahrung. Ernest Hemingway bestellte im Brasserie Lipp in Paris Kartoffelsalat und Bier. Siegfried Lenz bestellt im Oma's Apotheke Bratkartoffeln und Bier. Und ich? Ich esse fantasielose Fließbandkost wie irgendein amerikanischer Rucksacktourist.

„Als ich neunzehn Jahre alt war“, sagt Lenz, „hielt ich zum ersten Mal in meinem Leben eine englische Zeitung in den Händen. Das war ein Schlüsselerlebnis. Ich verstand ein wenig Englisch, und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass es auch andere Auffassungen geben konnte als die nationalsozialistischen.

Politisch war ich damals nicht. Es ging nur darum, satt zu werden. Die Zerstörung und das Leid haben sich tief in meine Generation eingegraben. Sie bilden den Resonanzboden unseres Lebens. Drei Jahre lang arbeitete ich bei Die Welt. Aber ein wirklicher Journalist bin ich nie geworden. Die Welt zu beschreiben, genügte mir nicht. Ich musste frei schreiben, damit ein chaotisches Leben für mich einen Sinn bekam. Erst in meinen Erzählungen, Essays und Romanen konnte ich verstehen, was ich erlebt hatte. 1951 erschien mein erstes Buch – eine Sammlung humorvoller Geschichten aus meiner ostpreußischen Heimat.“

„Dann ist Siggi Jepsen“, sage ich, „der in Deutschstunde den Aufsatz schreiben muss, um sein junges Leben zu begreifen, in Wahrheit der neunzehnjährige Siegfried Lenz, der nach dem Krieg nach Hause zurückkehrt?“

Lenz lächelt.

„Nun ja ...

Wer Geschichten und Romane schreibt, gibt immer etwas von sich selbst preis. Ich habe mein ganzes Leben geschrieben. Und wer meine Bücher und Erzählungen gelesen hat, kennt mich vermutlich besser, als ich selbst es wahrhaben möchte.“

„Ich beneide dich um diese Freiheit“, antworte ich und schiebe mit einer kalten Pommes den letzten Rest Mayonnaise über den Teller.

„Mein ganzes Leben lang habe ich geschrieben, um die Zeit festzuhalten. Wenn ich meine Erlebnisse und Gedanken nicht aufschreibe, habe ich das Gefühl, die Zeit rinne mir wie trockener Sand zwischen den Fingern davon. Ich verstehe die Welt besser, wenn ich Artikel schreibe. Aber ich schreibe vor allem deshalb, weil ich meinem Bewusstsein ein längeres Leben geben möchte.“

Lenz sieht mich einen Augenblick schweigend an.

Dann lächelt er.

„Über dein neues Buch haben wir übrigens überhaupt nicht gesprochen“, sage ich und ziehe Dringende Durchsage aus meiner Manteltasche.

„Ha!“, ruft Lenz und lacht.

„Dann haben sie also tatsächlich meine Schreibtischschublade ausgeleert und auch noch die letzten traurigen Hinterlassenschaften hervorgeholt.“

„Das solltest du nicht sagen“, unterbreche ich ihn.

„Ich habe beim Buchhändler heimlich ein wenig darin gelesen. Das Buch ist gut geschrieben. Ich war viele Jahre Redakteur. Meiner Erfahrung nach wird man als Schriftsteller gar nicht mehr so viel besser, sobald das Schreiben einmal zum Handwerk geworden ist. Wer mit sechsundfünfzig gut schreibt, hat wahrscheinlich auch mit sechsundzwanzig schon gut geschrieben.“

Lenz zieht nachdenklich an seiner Pfeife.

„Nach allem, was du heute erzählt hast, ergibt dein neues Buch für mich plötzlich einen ganz anderen Sinn.

Jetzt verstehe ich es.

“Du hast diese siebenunddreißig kleinen Geschichten aus dem wirklichen Leben genommen und ihnen eine Richtung gegeben.”

Ich freue mich darauf, sie in Ruhe zu lesen.

Jetzt weiß ich, worauf ich achten muss.

“Es wird sein, als würde ich Siggi Jepsens Deutschaufsatz über seine Schulter hinweg mitlesen.“

Ich bin von diesem Gedanken bewegt.

Heute sehen sich Schriftsteller und Journalisten gleichermaßen mit der Möglichkeit konfrontiert, dass künstliche Intelligenz ihre Arbeit eines Tages überflüssig machen könnte. Und neben mir sitzt ein Mensch, der sein ganzes Leben lang geschrieben hat, damit er selbst und wir anderen die Welt besser verstehen.

„Komm“, sage ich, „bezahlen wir und gehen nach draußen. Ich sehe, du hast deine Pfeife schon wieder hervorgeholt.“

Lenz zieht eine Packung Mac Baren Mixture aus der Manteltasche. Im wahrsten Sinne des Wortes hat er einen großen Teil seines Lebens in einer Tabakwolke verbracht. Günter Grass nannte ihn einmal Deutschlands letzten großen Pfeifenraucher.

„Ja“, sagt Lenz und folgt meinem Blick auf die Tabakdose.

„Das ist dänischer Pfeifentabak. Diesen Tabak rauche ich, seit ich Ende der fünfziger Jahre mein kleines Fischerhaus auf Alsen gekauft habe.“

Draußen ist es still geworden.

Es ist Montagabend. Der Weihnachtsmarkt auf der anderen Straßenseite ist beinahe menschenleer.

Ein Taxi fährt vorbei.

Lenz hebt den Arm.

Der Wagen macht eine Kehrtwende.

„Kommst du mit?“, fragt er.

Ich schüttle den Kopf.

„Nein. Ich muss in die andere Richtung. Nach Hammerbrook.“

Lenz reicht mir die Hand.

„Es war schön, dich kennenzulernen. Und wieder einmal Dänisch sprechen zu können.“

„Ganz meinerseits.“

Der alte Mann winkt noch einmal.

Seine hellen Augen lächeln.

Dann steigt er auf den Rücksitz.

Ich höre ihn zum Fahrer sagen: „Preusserstraße.“

Das Taxi fährt an.

Langsam verschwindet es in der Dunkelheit.

Ich bleibe allein auf dem Bürgersteig der Schanzenstraße zurück.

Nur ein schwacher, süßlicher Duft von Mac Baren Mixture hängt noch in der kalten Abendluft.

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Pippi Langstrumpf gegen den Wind